Betreten wir jetzt das Zeitalter der Entschleunigung? Nehmen wir nach der jahrelangen Hatz nach „immer mehr“, „immer billiger“ und „immer schneller“ jetzt das Tempo aus unserem Leben? Definieren immer mehr Gestresste ihren Lebensinhalt jetzt neu? Man kann es nur hoffen. Denn angesichts des weltweiten Terrors, der ständigen inneren Rastlosigkeit durch immer neue Krisen und Katastrophen und des gewohnheitsmäßigen Multitaskings leiden viele Menschen an einem zivilisationsbedingten Burn-out. Sie sehnen sich danach, Wesentliches neu zu entdecken.

Burn-out-Kandidaten versuchen durch Rückzugsverhalten und eine achtsame Neuausrichtung, zurück zu ihren Wurzeln zu finden. Sie erinnern sich an die Wertigkeit heimischen Handwerks. Sie entrümpeln ihr Leben von Nutzlosem. Viele Menschen nehmen Abstand vom Kauf von teuren materiellen Gütern, die Abhängigkeiten vom Kreditgeber schaffen und einen dennoch nicht glücklich machen. All das verkörpert den Trend der Entschleunigung. Erst konnte uns die Moderne gar nicht genug technische Neuerungen ins Leben stellen. Jetzt ist uns das alles zu viel geworden. Vor allem aber hat es uns anderes genommen, das uns einst wertvoll erschien.

Qualität und Qualifikation statt Billigschrott

Die Kunden von morgen möchten nicht länger fragwürdige Billigprodukte aus China kaufen. Sie legen zunehmend Wert auf heimische Produktqualität. Käufer achten wieder mehr auf Werte wie Nachhaltigkeit oder Regionalität. Davon profitiert auch das Handwerk.

Der Kunde von morgen möchte wissen, was sein Tischlerprodukt charakterstark und einzigartig macht. Er möchte sich zunehmend nicht mehr auf ein beliebiges No Name-Billigmöbel aus Pressholz verlassen. Er möchte wissen, dass der neue Esszimmertisch aus heimischen Hölzern hergestellt wurde, die zertifiziert sind.

Statt pseudo-exotischer Imbisskost reizt ihn zunehmend die hochwertige Regionalküche. Diese kann sich dadurch neu entdecken. Die zunehmende Komplexität unseres Lebens kann einen zunächst herausfordern. Am Ende einer unterschiedlich langen Strecke kann sie einen aber auch überfordern. Es bleibt keine Zeit zum Durchatmen. Inmitten des multimedialen Wahnsinns sehnen wir uns nach den Werten zurück, die wir neuen Trends geopfert haben.

„Slow“ ist der Slogan der Neuzeit

Der Trend zur Entschleunigung macht sich immer sichtbarer in Ratgebern zum „Slow Cooking“ oder „Slow Travelling“ breit. Das Handwerk beantwortet die weltweite Hatz nach immer schneller Belieferung nicht mit verkürzten Lieferzeiten. Stattdessen stehen andere Serviceleistungen im Vordergrund. Ausreichend Zeit wird bei einer handwerklich soliden Einzelanfertigung nun einmal benötigt.

Statt eines Plastikhockers kauft man als entschleunigter Kunde nun eher einen attraktiven Kubus aus recyceltem Palettenholz, dessen Sitzfläche gepolstert und mit Kunstleder bezogen wird. Statt in schnell greifbare Massenware mit hohem Beliebigkeitsfaktor zu investieren, suchen wir zunehmend das Besondere. Es muss uns durch Nachhaltigkeit, Wertigkeit und gutes Design überzeugen. Auch wenn ein Vollholz-Möbelstück kein künstlerisches Unikat sein muss, sollte es doch durch die Holzmaserung einen individuellen Charakter erhalten.

Qualität und Wertigkeit zählen wieder

Was mit der „Slow Food“-Bewegung begann, hat mittlerweile Fahrt auch in anderen Bereichen des Lebens aufgenommen. Dieser Umstand spiegelt ein zunehmendes Bedürfnis, sich mehr Zeit für die wichtigen Dinge des Lebens zu nehmen statt sein Zeitmanagement ständig in die entgegengesetzte Richtung zu optimieren. Je mehr Wellness-Resorts aus dem Boden schießen, desto deutlicher wird, dass viele Menschen sich mit den Auswüchsen des modernen Lebens nicht mehr wohlfühlen können.

Je mehr Menschen von beruflichem Burn-out betroffen sind, desto eher gelingt ihnen eine innere Kehrtwende. Wir möchten nicht in dem Gefühl leben, gelebt zu werden. In seinem Heim schafft man sich daher Gegenwelten, in denen die Seele baumeln darf. Wir umgeben uns mit schönen Dingen, die unsere Werte verkörpern. Wir werden zum Heimwerker. Das Bedürfnis nach Fokussierung spiegelt sich auch in dem wieder, was wir kaufen. Handgemachtes hat wieder Konjunktur. Heimische Produkte erinnern uns an Qualitätslevel, die der internationale Markt längst vergessen hat. Wir möchten nicht länger mit Sollbruchstellen und gestyltem Schrott mit einer maximalen Lebensdauer bis zum Garantie-Ende leben.

Entschleunigung – Neue Besinnung auf das Wesentliche

Das Handwerk stellt sich zunehmend auf die veränderten Bedürfnisse der Kunden ein. So mancher spricht allerdings schon vom Gegentrend der Entschleunigung: der Beschleunigung der Entschleunigung und dem Ende des Nachhaltigkeits-Trends. Es ist allerdings anzunehmen, dass die Bevölkerung in diesem Kontext gespalten ist. Die einen unterwerfen sich weiterhin willig – oder zumindest ohne Gegenwehr – der zunehmenden Überflutung. Sie setzen dem Moralverlust, dem Werteverlust und der zunehmenden Entwertung von Konsumgütern nichts entgegen. Die anderen sehnen sich nach Wertigkeit. Sie suchen diese beispielsweise in gut ausgebildeten Handwerkern.

Kreative Handwerker-Naturen, die sich für Umwelt- und Ressourcenschutz, hohe Verarbeitungs- und Materialqualität sowie Nachhaltigkeit einsetzen, werden wertgeschätzt. Statt in eine Billiglederhose aus Ziegenleder zu investieren, kauft man sich lieber eine echte Hirschlederne aus heimischer Fertigung. Sie ist jeden Cent wert und hält länger als nur ein Oktoberfest. Statt billige Pressholzplatten zum Dachausbau zu nutzen, interessiert man sich wieder für eine solide und nachhaltige Bauweise.

Ernüchterung zwingt manchen zur Umkehr

Der Trend zur Entschleunigung in allen Lebensbereichen hat etwas mit der zunehmenden Ernüchterung der Menschen zu tun. Man verkaufte ihnen über Jahre eine neue Technologie oder eine futuristische Lebenswelt als Qualitätsgewinn. Das Volk ist von vielen Innovationen begeistert. Man stürzt sich neugierig darauf – nur um nach einer Weile festzustellen, welchen Preis das kostet. Er reicht vom zunehmenden Verlust von Lebensqualität, Zeit und Muße bis zum Fremd-Diktat unseres kompletten Lebens. Hektik und Unruhe definieren nun das Leben vieler. Es verflacht zunehmend.

Siebenhundert Facebook-Follower geben einem nicht dasselbe wie vier gute Freunde, mit denen man um einen schönen Buchentisch sitzt und ein Fondue genießt. Der Handwerker, der diesen Tisch angefertigt hat, ist durch seine Arbeit im Raum präsent. Seine Arbeit am Tisch hinterlässt in den Menschen, die ihn benutzen, andere Schwingungen als ein billiger Resopaltisch. Letzterer stammt aus Massenfertigung. Er landet mangels Qualität nach ein paar Jahren auf dem wachsenden Müllberg. Qualität bedeutet einen Zuwachs an Lebensdauer für das Produkt. Sie bedeutet aber auch einen höheren Wiederverkaufs- und Erlebniswert.

Mehr Scheinen als Sein? Nein danke!

Ein handwerklich solider Buchentisch kann abgeschliffen, neu eingeölt und aufgearbeitet werden, sofern er nach Jahren der Nutzung unansehnlich werden sollte. Wahrscheinlicher ist, dass er eine schöne Patina bekommt. Eventuelle Schrunden und Haar-Risse erzählen von Familienfesten, lebendigen Werkstoffen und lebhaftem Miteinander. Solche Spuren des Lebens adeln den Buchentisch sogar. Im Gegensatz dazu lassen die abgeknabberten Billigfurnier-Ränder an einem Plattenwerkstoff dessen Minderwertigkeit erkennen. Reparieren kann man das nicht. Dies möge nur ein Beispiel dafür sein, warum solides Handwerk der Massenproduktion langsam den Rang abläuft.

Viele Menschen lassen sich nicht länger mit billigem Ersatz abspeisen, den man nach kurzer Zeit entsorgen muss. Zunehmend fühlen sich die Menschen um wesentliche Dinge betrogen. Sie kaufen nach Möglichkeit lieber ein handwerklich solides Markenprodukt aus Deutschland oder Österreich als ein asiatisches Billigprodukt. Gegebenenfalls nutzt man den Sale oder einen Outlet, um notwendige Einsparungen zu realisieren. Man schätzt Recyceltes und Abbaubares, das ein Interesse für Ressourcenschutz und Nachhaltigkeit erkennen lässt. Handwerk oder Baugewerbe haben sich längst auf neue Ansprüche eingeschossen.

Neue Orientierungen sind wichtig

Die Rückbesinnung auf Werte ist keineswegs nostalgisch, sondern eine Folge von Auswüchsen im Wirtschaftsleben. Es geht auch im Handwerk nicht nur um den schnellen Gewinn. Es geht um das große Ganze. Schmelzende Polkappen, massive Klimaveränderungen, weitgehend abgeholzte Regenwälder weisen darauf hin, dass unsere bisherigen Strategien falsch waren. Handwerk hat auch heute einen goldenen Boden – insbesondere, wenn es seine Chancen nutzt und dem Entschleunigungs-Trend folgt. Qualitativ überzeugende Produkte, die auf bewährten Handwerkstraditionen aufbauen und zugleich innovative Impulse setzen können, werden zunehmend erfolgreich sein.

Titelbild: © alphaspirit – fotolia.com

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