Die deutsche Sprache hat, ebenso wie die englische und die französische, ihre Spuren in fast allen Sprachen über den gesamten Globus verteilt hinterlassen. Wer sich deshalb über Anglizismen aufregt, die ihren Weg in unseren Sprachgebrauch gefunden haben, sollte sich bewusst machen, dass auch Germanismen (und wenn es ums Essen geht, auch spezielle Austriazismen, wie z. B. der überall beliebte „strudel“ beweist) weltweit benutzt werden. Als Germanismen bezeichnet man die deutschen Wörter, die als Lehnwort in eine andere Sprache Eingang gefunden haben. Oftmals erlebte das Wort dabei im Lauf der Zeit einen Bedeutungswandel und wurde mit phonetisch veränderter Schreibweise in den eigenen Wortschatz des jeweiligen Landes übernommen. Manchmal schließt der übernommene Begriff auch eine Lücke, für die es vorher kein spezielles Wort in der jeweiligen Sprache gab. Das ist besonders häufig in der Arbeitswelt sowie bei technischen, kulinarischen und weltanschaulichen Bezeichnungen der Fall, wie die folgenden Beispiele veranschaulichen werden.

Kulinarische Auswanderer

„Delicatessen“, kurz „deli“, ist ein Delikatessengeschäft, dessen fertig zubereiteten Speisen sich vor allem in den USA großer Beliebtheit erfreuen. „Bratwurst“, „wurst“ oder kurz „brat“ schmeckt einfach anders als ein beliebiges Würstchen und ist deshalb in Amerika nicht einfach nur eine „sausage“. In Verbindung mit „sauerkraut“ schmeckt sie seit kurzem auch den Chinesen. „Buterbrod“ nennt man in Russland ein belegtes Brot, auf dem so ziemlich jeder Belag zu finden ist, außer Butter. „Knedli“ heißen in Kroatien Knödel, die auch sehr lecker mit „putar“ (Butter) schmecken. Als „knodli“ bekommt man sie in Ungarn und als „knedel“ in Polen vorgesetzt. „Paradajz“ stammt von Paradeiser ab, dem österreichischen Begriff für Tomate und ist im Balkanraum gebräuchlich. Auch die in englischsprachigen Ländern beliebten „pretzels“ und „noodles“ hat man zuerst im deutschsprachigen Raum verzehrt. Nach dem Essen bestellt man sich in fast allen Ländern, in denen er gebrannt wird, zur Verdauung einen „schnaps“ und manche Engländer naschen danach gern noch ein wenig „marzipan“.

Technik weltweit

Ein „schibidach“ haben bulgarische Wagen und einge der Autos, die im Iran unterwegs sind und dort an der „pompe benzin“ betankt werden. Die indonesischen Autos haben einen „knalpot“, was den Auspuff sehr lautmalerisch beschreibt, während die bosnischen Autos mit einem „auspuh“ ausgestattet sind. Polnische Handwerker benutzen beim Hausbau eine „waserwaga“, die sie meistens im „baumarket“ gekauft haben. Dafür kaufen die Bosnier dort ihre „scrafziger“ (Schraubenzieher) ein. In der Bantusprache Bassa in Kamerun fahren die Züge seit der Kolonialzeit am „banop“ ab. Ein „schlagbaum“ sichert die Gleise in Russland und Silvester ohne „fejerwerk“ ist dort einfach undenkbar. Nicht nur in Bosnien sollte ein Fahrzeug „rostfraj“ sein. Und den internationalen Gebrauch des Wortes „kaput“ kann man nicht zwangsläufig mit dem Stand der Technik in dem betreffenden Land in Verbindung bringen.
In der französischen Sprache verstecken sich mehr deutsche Wörter als man glaubt.

Internationale Beziehungen

Am international verbreitetsten ist wohl das deutschstämmige Wort „kindergarten“. Der erste wurde Mitte des 19. Jahrhunderts in London gegründet und nur wenige Jahre später entstand auch ein erster „kindergarten“ in den USA.
Der „besserwisseri“ ist über Schweden nach Finnland gewandert und wie hier jemand, der alles besser weiß. Die „kahvipaussi“ hat man sich, ebenfalls in Finnland, um die Mittagszeit verdient. Am besten nach der japanischen „arubeito“. Das bezeichnet nicht die Arbeit an sich, sondern einen schlechter bezahlten Nebenjob. Wer in Dänemark in einer „liebhabervilla“ lebt, hat zu seinem Glück eine besondere Immobilie ergattert. „Vorspiel“ und „nachspiel“ darf man in Norwegen nicht als sexuelle Aufforderung ansehen, sondern als Einladung zu einem alkoholischen Getränk vor oder nach einer Veranstaltung. Im Hebräischen hält man mittags seine „schlafstunde“. Um diese Zeit sollte der „dachshund“ besser nicht laut bellen.
Es gibt auch Verben, die übernommen wurden, z.B. bedeutet „schubladiser“ in Frankreich etwas auf die lange Bank zu schieben. (Als Nomen heißt das Wort „Schubladisation“.) Weiterhin gibt es deutsche Worte, die direkt in den französischen Wortschatz integriert wurden (vermutlich weil es keinen adäquaten französischen Begriff dafür gibt), wie „le fernweh“, „le heimweh“, „le waldsterben“ oder „la weltanschauung“. Und wenn die Franzosen von „la mannschaft“ sprechen, meinen sie immer die deutsche Nationalelf. Der „Zeitgeist“ und der „Weltschmerz“ sind ebenso wie das „Kaffeeklatsching“ zum Bestandteil der englischen Sprache geworden. Gelegentlich mutet der Germanismus für unsere Ohren auch kurios an. Wenn die Libanesen etwas verstanden haben, zeigen sie das mit einem „achso“. Und manche Begriffe liefern ihre Entstehungsgeschichte gleich mit. So heißen Deutsche auf Afrikaans nicht sehr schmeichelhaft „aberjetze“.

Sprachwanderung

Die kurze Aufzählung zeigt, dass sich Germanismen überall in der Welt ausgebreitet haben. Von Asien bis Südamerika wird es kaum ein Land geben, in dessen Sprache sich nicht ein Wort finden lässt, das sich von einem deutschen Ursprung ableiten lässt. Doch der Austausch findet immer auch gegenseitig statt. Ob man sich als Besatzer im Krieg, als Kolonialherrscher oder Auswanderer in einem fremden Land befindet, im Gepäck hat man die eigene Sprache und Brocken der fremden Sprache gehören zu dem, was man mit zurückbringt. Internationale Begriffe, wie „blitzkrieg“ oder „spionage“ haben dementsprechend im 2. Weltkrieg ihre Verbreitung gefunden. Es ist nachvollziehbar, dass vor allem in Grenzgebieten der Sprachaustausch in beide Richtungen besonders intensiv ist.

Doch vor allem politische Gründe sorgten von jeher für die massivste Sprachverbreitung. So ist der Expansionspolitik der österreichisch-ungarischen Monarchie im 19. Jahrhundert in Osteuropa für die weitläufige Ausbreitung von Germanismen dort zu danken. Mit Katharina der Großen wanderten voller Hoffnung auf ein besseres Leben nicht nur Gefolgsleute mit nach Russland aus. Auch die Auswanderung vieler Menschen aus dem deutschsprachigen Raum nach Amerika im 18. Jahrhundert sorgte für eine weitflächige Verbreitung der deutschen Sprache in sämtlichen Ausprägungen (d.h. mit österreichischen und schweizerdeutschen sowie mundartlichen Einflüssen). Das führte dazu, dass Germanismen weltweit mehr als ein Viertel aller Fremdwörter ausmachen. Nur Lehnwörter aus dem Französischen und dem Lateinischen sind noch gebräuchlicher.

Sprachwanderung über mehrere Stationen

Mittlerweile haben manche Worte sogar eine doppelte Sprachwanderung unternommen. Ein Beispiel ist das „o.k.“ auf Druckfahnen in der Buchdruckerei, das ursprünglich auf Deutsch: ohne Korrekturen bedeutete. Damals arbeiteten im amerikanischen Buchdruck vor allem deutsche Fachkräfte. Daraus entwickelt sich das amerikanische „okay“, das wiederum als Anglizismus Einzug in den deutschen Sprachgebrauch fand. Die englisch klingende Bezeichnung „Handy“ (englisch für handlich) ist eine rein deutsche Erfindung für ein „mobile phone“ oder „cell(ullar) phone“. Inzwischen hat „handy“ jedoch seinen Weg in amerikanische „Slang Dictionarys“ und in manche Kreise entlang der amerikanischen Ostküste gefunden. Ein weiteres Beispiel ist das beliebte Tischfußballspiel, das im Deutschen auch (englisch) Kicker genannt wird, bei U.S.- amerikanischen Studenten aber auch neben „table football“ unter der Bezeichnung „foosball“ beliebt ist.

Wer also das nächste Mal wieder über die vielen Anglizismen schimpft, die sich weltweit in anderen Sprachen eingenistet haben, sollte auch bedenken, wie belebend der Austausch der Sprachen aufeinander wirkt und wie sehr sie sich gegenseitig bereichern.

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Fotos: Adobe stock – Denys Rudyi – Nito –

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