“Bitte gehen Sie in Zukunft ein wenig hochnäsiger durch die Stadt”. Melitta Ranner, Leiterin der Ausbildung zum Fremdenführer am WIFI Steiermark weiß, wie sie den Fokus ihrer Zuhörerinnen und Zuhörer wieder auf sich ziehen kann. Es ist gar nicht so einfach, eine 18-köpfige Gruppe durch die Stadt zu lotsen und ihnen dabei die Sehenswürdigkeiten oberhalb der Augenhöhe näher zu bringen Autolärm, Hundeleinen, Straßenbahnschienen und Gehsteigkanten konkurrieren um die Aufmerksamkeit. Wer in Zukunft als Fremdenführerin oder Fremdenführer arbeiten möchte, muss auch ein wenig Resolutheit und eine gut geölte Stimme mitbringen.

Gruppe von Menschen am Hauptplatz von Graz
Melitta Ranner ist Lehrgangsleiterin und Mitglied der GrazGuides.

Anspruchsvolles Infotainment – Die Fremdenführer

Die Ausbildung zum Fremdenführer am WIFI Steiermark dauert zwei Semester und schließt mit einer Befähigungsprüfung ab. Bis dahin wird in Exkursionen und Trainingsführungen geübt und geprobt, wie man die Stadt interessierten Besuchern am besten präsentiert. Bei der allerersten Ausbildungsführung zu Kursbeginn geht es weniger um die Inhalte – für die Theorie, Kunstgeschichte, Heimat- und Volkskunde, politische Bildung und Fremdenverkehrs- und Wirtschaftsgeographie wird im kommenden Jahr noch Zeit genug bleiben. Melitta Ranner möchte ihrem neuen Jahrgang am praktischen Beispiel zeigen, wie eine Führung aussieht. Worauf man achten muss und wie man Inhalte am spannendsten verpackt, damit keine Langeweile aufkommt. Wie man den eleganten Spagat zwischen seriösem Wissen und angenehmer Unterhaltung am besten meistert. Touristen möchten Information, aber auch Unterhaltung.

Der Appell an die Hochnäsigkeit hat nichts mit Arroganz zu tun – die Kursleiterin will ihre Schützlinge nur ein wenig keck dazu anleiten, sich neuen Perspektiven zu erschließen. So sieht man nicht nur den Uhrturm besser, sondern zum Beispiel auch die Figurengruppe auf der Mariahilferkirche, die den Höllensturz darstellt.

Ein Tor im Grazer Landhaushof mit den Bild des steirischen Panthers darauf.
Amüsantes Detail am Wappentier der Steiermark: Der Panther versprühte lange Zeit Feuer aus allen Körperöffnungen.

Spannende Geschichten, aufregende Events

Als Profi weiß die langgediente Fremdenführerin wie das geht. Sie kennt die Stadt wie ihre Westentasche und weiß zu fast jedem Ziegelstein eine packende Geschichte zu erzählen. Ranner weiß warum der steirische Panther, das Wappentier der Steiermark seit den 20er-Jahren nicht mehr aus allen Körperöffnungen Feuer speit, warum manche Nischen an der Rathausfront leer sind und dass Johannes Kepler zu Fuß von seiner Heimat in seine neue Wirkungsstätte nach Graz gekommen ist. Sie weiß aber auch wo man besonders gut speisen kann und wo es die besten Jazz-Konzerte gibt. Schließlich möchten die Grazer Gäste nicht nur die Geschichte, sondern auch die lebendige, kulturelle und kulinarische Gegenwart erleben können.

Fremdenführer müssen nicht nur in historischen Belangen sattelfest sein, sie sollten auch über das aktuelle Geschehen Bescheid wissen. Eine Stadt ist viel mehr als die Summe ihrer Gebäude und Sehenswürdigkeiten. Es sind die Menschen mit ihren Eigen- und Lebensarten, die einem Ort den besonderen Esprit verleihen.

Bemalte Hausfassade mit einem Reiter
Oft übersehen aber wunderschön mit vielen Details ist das gemalte Haus in der Herrengasse 3.

Gute Miene bei jedem Wetter

Fremdenführerinnen und Fremdenführer arbeiten hauptsächlich im Freien, das ganze Jahr über. Sie trotzen dem Wetter, Baustellen und anderen Widrigkeiten. Wichtig sind dabei auch soziale Kontakte – Melitta Ranner grüßt regelmäßig nach allen Seiten. Man kennt sich. Gute Beziehungen sind wichtig – zum Rathausportier und zu den Rezeptionisten im Hotel Erzherzog Johann, das es Reisegruppen erlaubt, den wunderschönen, gläsern überdachten Innenhof des Hotels zu inspizieren. Führt man Reisegruppen durch die Stadt, ist man gleichzeitig Botschafter. Nicht nur Wissen ist gefragt, sondern auch die Fähigkeit ein Lebensgefühl zu vermitteln. Dazu braucht es ein kontaktfreudiges Wesen, ein offenes Herz, Charme und Witz und nicht zuletzt einen unerschöpflichen Schatz an Geschichten zur Geschichte. Melitta Ranner leitet nicht nur die Ausbildung zum Fremdenführer am WIFI Steiermark, sie ist auch Mitglied der GrazGuides, dem Fremdenführer-Club für Graz und die Steiermark, der seit über 50 Jahren für hochwertige Führungen in der Region steht.

Drei Personen in einem Raum, im Hintergrund ein Bild von Erzherzog Johann.
Gute Beziehungen erlauben das Inspizieren des Hotel Erzherzog Johann von innen.

Die angehenden Fremdenführerinnen und Fremdenführer haben sich bei der Ausbildungsführung das erste Mal als Gruppe getroffen und werden von nun an die nächsten beiden Semester gemeinsam im Unterricht verbringen. Beschnuppern konnte man sich bereits am Infoabend, wo der Lehrgang mit den Vortragenden vorgestellt und alle Fragen beantwortet wurden. Erste Freundschaften bahnen sich am dreistündigen Spaziergang durch die Grazer Altstadt über die Murinsel bis zum Kunsthaus an. Eine Teilnehmerin möchte mit dem Besuch des Kurses ihre beruflichen Perspektiven als Historikerin erweitern. Ein anderer Teilnehmer schmiedet großartige Alternativnutzungen für das Kunsthaus.

Die staatliche Prüfung zur Fremdenführerin oder zum Fremdenführer ist das große Finale der Ausbildung. Sie besteht aus einer mündlichen und schriftlichen Prüfung und einer Praxisführung, bei der Fremdensprachenkenntnisse, die Rhetorik und Stimmtechnik beurteilt werden. Der nächste Kurs zur Ausbildung zum Fremdenführer beginnt voraussichtlich im Herbstsemester 2020.

Haben wir Interesse geweckt?

Das WIFI Steiermark bildet regelmäßig Fremdenführer aus. Nähere Infos gibt es hier.  Aber auch andere Ausbildungen aus dem Tourismusbereich könnten für Sie interessant sein.
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