Produktion und Handel, ganz ohne Lager – das ist das Ziel des Logistik-Konzepts Just in Time. Das fein synchronisierte System verspricht eine effizientere, günstigere und vor allem lagerlose Versorgungskette. Doch bei Just in Time geht es um wesentlich mehr, als nur um Pünktlichkeit. Für Logistikerinnen und Logistiker birgt das System eine spannende Gratwanderung zwischen Konzeptionierung und Troubleshooting.

Entgegen üblicher Annahmen geht es bei Just in Time nicht nur darum, dass Waren genau zur richtigen Zeit angeliefert werden. Just in Time ist ein umfassendes Versorgungskonzept, dessen langfristige Planung darauf abzielt, dass Güter zur richtigen Zeit lagerlos angeliefert werden“, erklärt Univ.-Lektor Ernst Kurzmann, MBA. Der Wirtschaftstrainer und Unternehmensberater leitet mehrere Logistiklehrgänge und den Exportlehrgang am Wifi Steiermark.

„Weil das Konzept stark von einer funktionierenden Versorgungsumwelt abhängig ist, müssen Unternehmen diese frühzeitig aufbauen“, geht er ins Detail, „das bedeutet aber, dass dieses Konzept vor allem für Firmen mit viel Marktmacht in Frage kommt.“ Denn nur diese ziehen Zulieferer notwendiger Einzelteile an. In der Steiermark kann man das beispielsweise am Fahrzeugriesen Magna Steyr beobachten. Im Großraum Graz haben sich zahlreiche zuliefernde Betriebe angesiedelt, die durch ihre geografische Nähe zum Endmontagewerk schnell und pünktlich liefern können. „Zahlreiche Konzerne aus Industrie und Handel setzen im Kern auf Just in Time oder Varianten des Konzepts“, bemerkt Kurzmann. In der Praxis unterscheiden sich diese oft nur durch Feinheiten und die Größenordnungen, in denen sie umgesetzt werden.“

Der Zweck von Just in Time-Konzepten besteht aber nicht nur darin, die eigenen Lagerbestände zu senken. Bei der bestandslosen Fertigung oder dem lagerlosen Vertrieb werden sie eingesetzt, weil es organisatorisch gar nicht anders möglich wäre. „Egal ob im Supermarkt oder am Produktionslaufband eines Autoherstellers – in vielen Branchen machen die unzähligen Produktvarianten eine Lagerung vor Ort unmöglich“, stellt Kurzmann fest. Hier braucht es eine genau abgestimmte Anlieferung von Einzelteilen und Waren, die mit dem Verkauf bzw. dem Fertigungsband gleich getaktet erfolgen muss.

Just in Time in der Praxis

Am Anfang von Just in Time steht die Konzepterstellung. Für die Planung der einzelnen Schritte sind Spitzenlogistikerinnen und -logistiker notwendig, die neben den theoretischen Grundlagen vor allem über Praxiserfahrung verfügen müssen. Steht das Konzept, wird es zuerst in kleinerem Rahmen getestet und dann ausgeweitet. In der ersten Umsetzungsphase kann man einen Anlaufkurveneffekt beobachten, der sich über Monate oder sogar Jahre hinweg ziehen kann. „In dieser Zeit wird an den Feinheiten des komplexen Systems gearbeitet und es so lange verbessert, bis seine vollständige Kapazität ausgeschöpft werden kann“, erläutert Kurzmann.

Univ.-Lektor Doz. Ernst Kurzmann, M.B.A.
Univ.-Lektor Ernst Kurzmann, MBA ist Wirtschaftstrainer und Unternehmensberater und leitet mehrere Logistiklehrgänge und den Exportlehrgang am Wifi Steiermark.

Im laufenden Betrieb geht es dann hauptsächlich darum, das System am Laufen zu halten. „Um eine so komplizierte Lieferkette ununterbrochen jeden einzelnen Tag über Jahre hinweg aufrechtzuerhalten, müssen Logistikerinnen und Logistiker durch permanentes Nachjustieren Verbesserungen vornehmen und Probleme durch Troubleshooting beheben“, stellt Kurzmann den Umgang mit Just in Time dar. Weil sich die Versorgungsumwelt und die Anforderungen eines Unternehmens andauernd verändern, befindet sich auch das Konzept in ständigem Wandel.

Die Feinheiten von Just in Time

Ein gut funktionierendes Just in Time-Konzept ist wesentlich effizienter als andere Versorgungskonzepte, was es besonders kostengünstig für Unternehmen macht. Logistikerinnen und Logistiker müssen die enormen Pluspunkte, die die Zeit- und Kosteneinsparungen mit sich bringen, allerdings mit den Nachteilen abwägen. Die Vorteile von Just in Time erwachsen daraus, dass es sich dabei um ein sehr fein synchronisiertes System handelt. Da es stark von seiner Versorgungsumwelt abhängt, ist es dementsprechend anfällig für Fehler.

Jede noch so kleine Aufgabe in einem Just in Time-System ist wichtig für dessen Erfolg. Verzögert sich etwa die Anlieferung einer einzigen Komponente – z.B. durch einen Verkehrsstau oder eine Panne –, kann das die ganze Produktionskette in Gefahr bringen. Wenn ein Arbeitsschritt nicht zeitgerecht ausgeführt werden kann, wirkt sich das nämlich auf alle nachfolgenden Schritte aus. „Auf solche Fälle reagiert man mit bestimmten Notfallkonzepten und indem man bereits im Vorfeld Puffer zwischen den einzelnen Arbeitsschritten einbaut“, spricht Kurzmann aus Erfahrung. Für den Experten sind Praxiserfahrung, ein genaues Verständnis für die Abläufe im Inneren des Unternehmens und eine solide Ausbildung die wichtigsten Kriterien von Logistikerinnen und Logistikern für den erfolgreichen Umgang mit Just in Time.

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Foto: Adobe Stock – Marco2811

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