Lassen sich alle Menschen von Autoritäten zu unmoralischen Handlungen verleiten, die ihren Mitmenschen schaden? Oder kurz gesagt: Steckt in jedem von uns ein potentieller Folterknecht? Diese Frage beschäftigte einen jungen Psychologen im Jahre 1961, 16 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Zur gleichen Zeit erfand die bekannte Publizistin Hannah Arendt in ihrem Buch „Eichmann in Jerusalem“ den Begriff von der „Banalität des Bösen“. Stanley Milgram entwickelte einen unter dem Namen „Milgram Experiment“ zu Berühmtheit gelangten Test – mit erschreckenden Ergebnissen.

Das Milgram Experiment

Milgram suchte per Zeitungsannonce nach Probanden für ein psychologisches Experiment. Ihnen wurde gesagt, dass sie durch ihre Teilnahme einen bedeutenden Beitrag zur wissenschaftlichen Forschung leisten würden. Die Versuchspersonen waren von der Wichtigkeit des Tests überzeugt und höchst motiviert, ihren Teil zum Gelingen beizutragen.

Einsatz von Stromschlägen als Bestrafung

Die Probanden wurden alle zu Lehrern erklärt, die eine weitere Person, angeblich ebenfalls ein Teilnehmer, für das Versagen bei einer bestimmten Aufgabe bestrafen mussten. Bei dem „Schüler“ handelte es sich in Wirklichkeit um einen Schauspieler. Die Aufgabe bestand darin, dass dem „Schüler“ Wortpaare vorgelesen wurden. Anschließend wurde nur ein Teil des Paares genannt und der fehlende Teil sollte korrekt ergänzt werden – eine Aufgabe, die sich von kaum einem Menschen fehlerfrei lösen lässt.

Bei jedem Fehler bekam der „Schüler“ Stromstöße, die die Lehrer auslösten – bei den ersten Antworten leichte Stöße von 75 Volt bis zu starken Stromstößen bis 330 Volt. Selbst eine tödliche Stärke von 450 Volt wäre möglich gewesen. Anwesend bei dem Test war immer eine „Obrigkeitsperson“, die die Leitung hatte, und die Lehrer dazu animierte, mit dem Test fortzufahren.

Strafen auf Befehl

Die Reaktionen des vermeintlichen Opfers steigerten sich mit der Stärke der Stromschläge von einem leichten Grunzen, über Schmerzensschreie und zum Flehen, den Test abzubrechen, bis zur völligen Stille. Die Lehrer waren zuvor informiert worden, dass der „Schüler“ unter Herzproblemen litte und die Stromstöße durchaus lebensgefährlich sein könnten. Sobald die Probanden aufgrund der Reaktionen des Opfers in Zweifel gerieten und das Experiment abbrechen wollten, griff der Leiter ein. Er gab Befehle in vier Stufen aus:

Bei der ersten Stufe lautete die Aufforderung „Bitte, fahren Sie fort!“ – „Bitte machen Sie weiter!“
Stufe 2: „Das Experiment erfordert, dass Sie weitermachen!“
Stufe 3: „Sie müssen unbedingt weitermachen!“
Stufe 4: „Sie haben keine Wahl, Sie müssen weitermachen!“

Das erschreckende Ergebnis

Das Ergebnis des Tests ließ sogar hartgesottenen Psychologen die Haare zu Berge stehen. Nur ein Drittel der „Lehrer“ ließ sich von den Reaktionen des „Schülers“ dazu bringen, das Experiment vorzeitig abzubrechen. Der weitaus größte Teil setzte das Milgram Experiment teilweise sogar bis zum Schluss fort. Obwohl die Probanden davon ausgehen mussten, dass sie dem „Schüler“ echte Stromstöße verabreichten, kalkulierten sie das Risiko schwerer gesundheitlicher Störungen oder gar den Tod des Opfers ein. Auch wenn fast alle Lehrer ein Widerstreben verspürten, gehorchten sie den Befehlen des Versuchsleiters, weil sie von der Wichtigkeit des Projekts überzeugt waren und die Autorität des Leiters anerkannten.

Sie reagierten zwar unsicher und mit nervösem Kichern, lösten aber auf Befehl bei jeder falschen Antwort den Stromschlag in der vorgesehenen Höhe aus. Die Reaktion des Opfers, das im Verlauf des Experiments wimmerte, laut schrie oder schließlich durch völlige Stille Herzversagen imitierte, ließ sie nicht unberührt. Das hielt sie jedoch nicht davon ab, im „Sinne der Wissenschaft“ und auf Weisung des Leiters das Experiment fortzusetzen. In keiner der beiden Gruppen spielten das Geschlecht, das Alter oder der weltanschauliche Hintergrund der Lehrer eine Rolle.

Die Gefühle der Lehrer

Nach Beendigung des Milgram Experiments wurden die Teilnehmer befragt, was sie während der Untersuchung empfunden hatten. Diejenigen, die den Test abgebrochen hatten, wiesen darauf hin, dass sie für ihre Entscheidungen selbst verantwortlich seien, und das Geschehen nicht mit ihrem Gewissen hätten vereinbaren können. Der große Teil der Probanden, die bis zum Schluss mitgearbeitet hatten, sahen sich nicht verantwortlich, sondern übertrugen die Verantwortung dem Versuchsleiter. „Ich tat, was ich sollte.“ „Ich trage meinen Teil zur Wissenschaft bei“ rechtfertigten sie ihre Mitwirkung. Anschließend wurden die Probanden darüber aufgeklärt, dass es sich nicht um ein echtes Opfer gehandelt hatte.

Veränderte Testformen

Neben dem Haupttest führte Milgram kleinere Untersuchungsreihen mit leichten Änderungen durch. So war bei einigen Probanden ein zweiter „Lehrer“ im Raum, der eingeweiht war. Wenn dieser sich weigerte, die Befehle auszuführen, brach auch der größte Teil der nicht eingeweihten Probanden den Test ab. Waren zwei Versuchsleiter im Raum, die sich nicht einig waren, befolgte keiner der „Lehrer“ die Befehle.

Milgrams Fazit

Die Schlussfolgerung, die der Psychologe aus seinem Milgram Experiment zog, lautete in den sechziger Jahren, dass fast jeder Mensch das „Böse“ in sich trüge und zudem autoritätsgläubig sei. Das beträfe sowohl Männer als auch Frauen, Junge oder Alter, Gläubige oder Ungläubige. Allerdings trugen auch Zeitdruck und die ungewohnte, verwirrende Situation des Tests ihren Teil zu dem Ergebnis bei.

Neubewertung von Milgrams Experiment

Viele Jahrzehnten blieben die Ergebnisse des Tests unangefochten. Erst in neuerer Zeit wurden die Ergebnisse des Experiments neu bewertet. Dazu wurden Rückmeldungen von 659 Teilnehmern herangezogen. Diese fielen erstaunlicherweise sehr positiv aus. Die ehemaligen „Lehrer“ zogen ihre Befriedigung aus dem Wissen, dass sie der Wissenschaft gedient hätte.

Außerdem zeigten sich alle erleichtert, dass die Stromstöße nicht echt gewesen waren und kein Mensch durch sie zu Schaden gekommen war. Heutige Wissenschaftler schließen daraus, dass sich die Probanden durchaus ihrer Tat bewusst waren, das „Leiden“ des Opfers aber in Kauf genommen hätten, weil dieses der Wissenschaft diente.

Unverändertes Ergebnis des Milgram Tests

Ein neuerlicher Versuch, der im Jahre 2008 von dem Psychologen Jerry M. Burger durchgeführt wurde, brachte ein ähnliches Ergebnis zutage wie 1961. Auch hier lag das Ergebnis von einem Drittel Abbrecher zu zwei Dritteln, die den Test – wenn auch mit Unbehagen – bis zum Schluss durchführten. Eine wichtige Erkenntnis lässt sich aus dem Milgram Experiment ableiten. Menschen mit einer starken Persönlichkeit, die sich selbst und ihre Handlungsmuster kennen, fällt es leichter, moralisch zu handeln. Sie sind weniger gefährdet, falschen Befehlen zu gehorchen.

Die eigene Persönlichkeit schulen

Wissen Sie, wie weit Sie beim Milgram Test gehen würden? Persönlichkeit ist kein unabänderliches Schicksal, sondern etwas, das jeder Mensch mit entsprechender Unterstützung erwerben kann. Persönlichkeitsseminare können Ihnen dabei helfen, etwas über sich selbst herauszufinden und zu erfahren, wie Sie sich in bestimmten Situationen verhalten würden. Das ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Vielleicht lässt es sich so erreichen, dass das Milgram Experiment eines Tages die Menschen in einem besseren Licht erscheinen lässt.

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