Gleitzeit, Homeoffice, Work-Life-Balance … „Wir wollen mehr!“

„War ‚Employer Branding‘ oder gar der Begriff ‚Employer of Choice‘ 2011 im Rahmen meines Studiums noch eine Trenderscheinung, hält dieses Thema aus den USA in immer mehr Unternehmen Einzug. Auch aus der Not heraus“, bringt es der HR-Experte Daniel Edelsbacher auf den Punkt.

Generationen X, Y, Z – was ist los?

  • Denken wir einfach an den Generationenwechsel, der aktuell stattfindet – die Babyboomer (geboren bis 1964) und die Generation X (geb. 1965 bis 1979) gehen nach und nach in Pension.
  • Diese älteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hatten völlig andere Werte und Vorstellungen von der Arbeit, als es die Generation Y (geb. 1980 bis 1993) und Z (geb. ab 1994) hat. Für Y muss die Arbeit Spaß machen und auch die Forderung nach Privatleben ist stark ausgeprägt. Man will mit allen anderen – ob Chefs, Kollegen oder Mitarbeiter – auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Führungspositionen sind nicht mehr so wichtig. Man ist in die neuen Technologien von Kindesbeinen an hineingewachsen und 24 Stunden täglich online.
  • In der Generation Z gibt es keine Abgrenzung mehr zwischen virtuell und real, der Wunsch nach freier Entfaltung ist groß.
  • Und: Es sind insgesamt weniger potenzielle, qualifizierte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer am Markt vorhanden. Die können sich ihren „Employer of Choice“, ihren „Wunsch-Arbeitgeber“ oft aussuchen. Das bringt viele Unternehmen ganz schön ins Schwitzen …

Unternehmen schalten Werbefilme im Kino!

Es fällt tatsächlich auf: Während bis vor Kurzem noch „ganz normale“ Werbefilme im Vorspann zum Kinofilm liefen, wirbt hier nun ein heimisches Unternehmen nach dem anderen. Beim letzten Kinobesuch präsentierten sich fünf Firmen – mit allen ihren Benefits – auf der Suche nach BewerberInnen. Darunter auch zwei KMU. Daniel Edelsbacher hat recherchiert und festgestellt, dass ein KMU an die 6.000 Euro für einen Spot in die Hand genommen hat. Da versteht man schnell, wie stark Employer Branding auch an ungewohnten Orten am Vormarsch ist.

„kununu“ heizt den Markt zusätzlich an …

„Mit dem neuen kununu Kulturkompass findest du heraus, ob neben Gehalt und Benefits auch die Unternehmenskultur deines potenziellen Arbeitgebers deinen Vorstellungen entspricht“, steht auf der Homepage zu lesen. kununu ist eine der größten Arbeitgeber-Bewertungsplattformen und die wenigsten Arbeitgeber haben hier ganze fünf von fünf Sternen erreicht. Wie ein Unternehmen mit den Mitarbeitenden umgeht, lässt sich heute nicht mehr verheimlichen.

Was Unternehmen schon alles bieten:

Henkel zum Beispiel wirbt auf der Plattform mit einzigartigen Sozialleistungen um Bewerberinnen und Bewerber: Man bietet ein Aktienprogramm, eine private Renten- und Gesundheitsvorsorge, die komplett vom Unternehmen übernommen wird, eine Berufsunfähigkeits- und Pflegeversicherung, flexible Arbeitszeiten sowie drei Kindergärten am Werksgelände. Dazu kommen gelebte Gleichberechtigung, Familienfreundlichkeit, eine Erzählung über harmonische Teams, Life-Work-Balance … Wo führt dieser Wettbewerb mit immer mehr Benefits für Mitarbeiter hin?

Segeltörns für die Mitarbeiter

Daniel Edelsbacher kennt die „Szene“: „Die Unternehmen überbieten sich regelrecht in ihrem Employer Branding. Dabei gibt es in ein und derselben Branche oft kaum noch Unterscheidungsmerkmale.“ In der steirischen Logistikbranche zum Beispiel ist Gesundheitsvorsorge für die Mitarbeiter bereits selbstverständlich. Man kann während der Arbeitszeit Masseure und Physiotherapeuten buchen, es gibt Firmenausflüge und Events. Und sogar Segeltörns für die Mitarbeiter, zu denen Kostenbeiträge geleistet werden.
Einer der wenigen Unterschiede stellt die „Sie“- bzw. die „Du“-Kultur im Unternehmen dar. Es kommt also darauf an, welcher Typ man ist. Je nachdem ist die eine oder die andere Firma der eigene Employer of Choice.

Gleitzeit, Home Office, Spaß … Employer of Choice

„Das sind tatsächlich große Themen“, weiß Daniel Edelsbacher. „In meiner Firma haben wir Gleitzeit mit einer Kernzeit. Damit kommen wir gut zurecht, die Mitarbeiternutzen das. Freitagmittag ist das Büro meist leer.“ Tatsächlich bieten auch immer mehr Betriebe Gleitzeitmodelle OHNE Kernzeit an. Was nicht heißt, dass alle Jungen plötzlich extrem flexibel geworden sind. Es gibt immer auch Menschen, die es mögen, wenn ihnen genau gesagtwird, was sie zu tun haben und ihre Arbeit zu fixen Zeiten erledigt haben wollen. Und bitteschön auch keine Reisetätigkeit!

Arbeiten von zu Hause aus

Einen Tag in der Woche von zu Hause aus zu arbeiten, ist in vielen Firmen überhaupt kein Thema mehr. „Das ist nicht nur für Mütter praktisch“, erklärt Daniel Edelsbacher aus Erfahrung. „Das kann für jede und jeden sinnvoll sein. Man nimmt sich einen Tag ohne Termine und Besprechungen gezielt heraus und kann so in aller Ruhe einiges fokussiert abarbeiten. Oder auch seine Termine (Arzt, Behörden, Handwerker etc.) stressfrei erledigen, ohne gleich Zeitausgleich nehmen zu müssen.“

Unternehmen rittern um Mitarbeiter

Die Frage für Unternehmen lautet demnach: Wie ziehe ich die richtigen Leute an? Eine große Frage im Employer Branding, für das übrigens immer öfter eigene Management-Funktionen vorgesehen sind. „Das Wichtigste ist, dass die Inhalte des Employer Brandings auch tatsächlich im Unternehmen gelebt werden“, so der Experte. „Und zwar von oben nach unten, das muss der Vorstand mittragen!“ Das Schlimmste sei demnach, wenn gute Unternehmenskultur nach außen kommuniziert wird, aber der Hase in der Unternehmensrealität ganz anders läuft.

Fokus für HR-Abteilungen:

Es existieren Statistiken über die Menge neuer Arbeitnehmer, die bereits am allerersten Tag innerlich gekündigt haben. Der Grund: Das On-Boarding hat nicht funktioniert! Der Fokus für HR-Abteilungen in Bezug auf das Employer Branding muss daher auf mehreren Säulen stehen:

  • Mitarbeitergewinnung
  • Mitarbeiterbindung
  • Unternehmenskultur
  • Talentmanagement im Unternehmen
  • Unternehmenskultur
  • Unternehmensmarke

Wo geht’s hin?

„Oft kennen sich die Bewerber gar nicht mehr aus, wo die meisten Benefits warten. Das Employer Branding ist nicht mehr unterscheidbar“, berichtet Daniel Edelsbacher. „Und dann gibt es da noch eine große Falle: Auch wenn ein Betrieb insgesamt sehr gut aufgestellt ist, bleibt die Frage, wie einzelne Abteilungen mit ihren Mitarbeitern umgehen. Da kann es punktuell eine viel höhere Fluktuation geben als im Gesamtunternehmen.“

Und noch etwas beschäftigt den Experten: „Mit all den Employer-Branding-Strategien ist der War for Talents noch größer geworden. Man erkennt es auch an den neuen Homepages der Betriebe, die ihre Vorzüge für Arbeitnehmer immer vordergründiger platzieren. Aber was macht ein Unternehmen mit 5.000 Mitarbeitern am Fließband? Gleitzeit ist ebenso schwierig wie die Steuerung des Fließbandes von zu Hause aus. Aber ohne Mitarbeiter wird es auch nicht gehen …“

Definition der Begriffe:

Begriffe wie Employer of Choice, Employer Branding und War for Talents werden übrigens oft wild durcheinandergewürfelt – das steckt hinter den Begriffen:

  • Employer of Choice:Um als Unternehmen am Markt erfolgreich zu sein und gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden und zu halten, muss der Arbeitgeber attraktiv für den Arbeitnehmer sein. Ein Employer of Choice ist dementsprechend ein Arbeitgeber, wie ihn sich der Bewerber oder Mitarbeiter wünscht.
  • Employer Branding umfasst alle strategischen und operativen Maßnahmen, die ein Unternehmen in Hinblick auf seine Attraktivität als Arbeitgeber setzt. Das betrifft sowohl Bewerber als auch die bereits Beschäftigten. Letztere sollen damit dazu motiviert werden, im Unternehmen zu bleiben.
  • War for Talents bedeutet in einer Zeit des Fachkräftemangels – sowohl im Arbeiter- als auch im Angestelltenbereich – den sich zuspitzenden Wettbewerb um gute Mitarbeiter.

Mag. (FH) Daniel Edelsbacher, MA:Unternehmer (Asco Engineering / Green Tech Cluster), Bewerbungscoach und zertifizierter Trainer in der Erwachsenenbildung, verfügt über ein Diplomstudium im Bereich Marketing und Sales Management sowie ein Masterstudium im Bereich Human Resources Management. Er hat den neuen, 40-stündigen WIFI-Lehrgang „Employer Branding“ konzipiert und ist am WIFI auch in den Diplomlehrgängen HR-Assistant und HR-Management als Vortragender präsent.


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Fotos: © AdobeStock / golubo,  Edelsbacher

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