Dem Lagerkoller vorbeugen und mental stark durch die Krise gehen

Die derzeitige Situation ist für viele Menschen Neuland. Tagelang in der eigenen Wohnung zu sitzen und niemanden zu treffen ist sogar für mental starke Menschen fordernd – Stichwort „Lagerkoller“. Auch die Ungewissheit über die Zukunft kann belasten. Johannes Gosch, Mentalcoach und Lehrgangsleiter des WIFI Steiermark Diplomlehrgangs „Mentaltrainer“, sieht in der Krise viele Herausforderungen, aber auch Möglichkeiten für Neuanfänge.

Mental stark durch die Krise – wie schafft man das? Für Johannes Gosch trägt dieses Motto zwei wesentliche Bedeutungen in sich: „Man kann mental stark durch die Krise kommen, aber auch mental stark durch die Krise werden. Das hat sehr viel mit bewussten Entscheidungen zu tun, die ich in meiner Situation treffe.“

Wie solche Entscheidungen für den Einzelnen aussehen, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich und hängt davon ab, wie das Leben jetzt und vorher aussah. Viele kennen das Home-Office bereits und sind daran gewöhnt, andere haben erst jetzt die Möglichkeit dazu. Manche Familien sind zum ersten Mal für längere Zeit auf engem Raum zusammen und müssen neben der Arbeit zu Hause auch das Home-Schooling meistern. Und sie alle müssen tagtäglich mit Ungewissheit, Schreckensszenarien und schlechten Nachrichten leben. Da kann der Lagerkoller schneller kommen, als einem lieb ist. Was also tun?

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Johannes Gosch rät dazu, die Krise zu nutzen, um sich bewusst Gedanken über das eigene Leben zu machen und zu hinterfragen, was einem selbst wirklich wichtig ist.

Zeit nehmen für bewusste Gedanken

Es gibt viele Ratschläge, was man in einer solchen Situation unternehmen kann, damit einem nicht die sprichwörtliche Decke auf den Kopf fällt. „Aber das lässt sich nicht auf alle Menschen gleich anwenden“, sagt Johannes Gosch, „Was man aber tun kann: sich bewusst Gedanken darüber machen, was man aus dieser Krise lernen kann. Wie kann man gestärkt aus dieser Zeit hervorgehen? Und welche Faktoren kann man selbst beeinflussen, um sich und seinen Kopf in Bewegung zu halten?“

„Bewegung“ kann da bereits ein guter Anfang sein. Johannes Gosch rät dazu, wann immer möglich, sich körperlich zu betätigen, um dem Lagerkoller zu entfliehen: „Ich kann mich drinnen fit halten, aber auch im Garten arbeiten. Oder aber ganz bewusst in die Natur gehen, natürlich mit Abstand zu anderen Menschen. Hauptsache: Raus und bewegen.“

Auch der Kontakt zu Familie und Freunden über Telefon oder Videochat und eine abwechslungsreiche Tagesstruktur kann dabei helfen, sich auf andere Gedanken zu bringen.

Die wichtigen Dinge im Leben

Mentale Stärke hat viel damit zu tun, abzuschalten und sich zu entspannen. Aber auch bewusst zu entscheiden, was man an sich heranlässt und was nicht. „Wenn wir Nachrichten schauen und beunruhigende Informationen erhalten, dann ruft das fast automatisch negative Emotionen hervor. Ich kann diese Emotionen aber hinterfragen und mich stattdessen dafür entscheiden, mich auf etwas Schönes zu konzentrieren. Zum Beispiel auf die guten Dinge, die aus dieser Krise entstehen, die Hilfsbereitschaft untereinander, und der Zusammenhalt in der Bevölkerung,“ erklärt Johannes Gosch.

Generell bietet die Krise viel Zeit und Möglichkeiten, um sich Gedanken darüber zu machen, was man wirklich braucht, um glücklich zu sein. Nicht nur jetzt, sondern auch danach. Denn oft benötigt man viel weniger, als man denkt. Familiäre und freundschaftliche Beziehungen bekommen wieder mehr Wert und wir überlegen uns genauer, wer uns guttut. Wir hinterfragen unseren Konsum und erkennen vielleicht, dass wir nicht alles kaufen müssen, was wir angeboten bekommen. Und, nicht zuletzt, erhält Solidarität mit den Schwachen, aber auch mit jenen, die zurzeit Höchstleistungen erbringen, einen ganz neuen Stellenwert.

Negativen Gefühlen Raum geben

Trotz aller positiver Gedanken gibt es aber natürlich auch Tage, an der Lagerkoller überwiegt. Dann können die negativen Emotionen regelrecht lähmen. Sie sind genauso legitim, bekräftigt Herr Gosch: „Jeder Mensch hat Ängste, Befürchtungen und Sorgen. Wichtig ist, sie ganz genau wahrzunehmen und zu spüren, was sie mit einem machen. Und dann Fragen zu stellen: Ich habe diese Sorgen, aber bringen sie mich weiter? Gibt es etwas, was ich aktiv dagegen tun kann? Zum Beispiel Zahlen in seriösen Medien zu suchen, mich umfassend zu informieren oder einfach mit jemandem darüber zu reden?“

Insbesondere „Fake News“ und der damit einhergehenden Verunsicherung kann man mit dieser Vorgehensweise Herr werden. Und wenn die negative Gedankenspirale sich doch einmal zu drehen beginnt, dann ganz klar „Stopp!“ sagen, lächeln und sich auf schönere Gedanken bringen. So bleibt man trotz Ängsten handlungsfähig.

Dankbar sein und Dankbarkeit zeigen

Die kleinen Dinge wertzuschätzen ist jetzt auf jeden Fall wichtiger denn je. Ein Dach über dem Kopf, eine Heizung, ein voller Kühlschrank: Das sehen wir gerne als selbstverständlich an. In Wirklichkeit sind das essentielle Dinge unseres täglichen Lebens, für die wir zurecht dankbar sein können. Auch die Anerkennung für Berufsgruppen, die nun umso mehr leisten, darf man gerne formulieren, wie Johannes Gosch findet: „Menschen freuen sich, wenn sie Dankbarkeit erfahren für etwas, das ansonsten als normal angesehen wird. Ehrliches Lob kann man also durchaus und gerne anbringen.“

Insgesamt also ist diese Zeit zwar herausfordernd, aber sie bringt auch viel Schönes hervor. Die Menschen wachsen zusammen, helfen einander und können das, was sie haben, wieder mehr schätzen. Sich selbst an diese guten Dinge zu erinnern und seinen Tag so abwechslungsreich wie möglich zu gestalten kann helfen, dem Lagerkoller vorzubeugen und mental stark durch die Krisenzeit zu kommen. Denn eines ist trotz aller Schwierigkeiten fix: Auch das wird vorübergehen.

Foto: Adobe stock – stokkete

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